Alcatraz, Geister und wiederspenstige Feuerofen…

Ich flog von Santa Cruz nach Sucre, da es heftige Regenfälle gab und die Strassen unbefestigt sind. Die Stadt liegt auf 2800 Metern und ist die konstitutionelle Hauptstadt Boloviens. Auf der Fahrt vom Flughafen in die Innenstadt stellte ich alarmiett fest, dass der Taxifahrer von der asphaltierten Strasse auf Schotterpisten abzweigte. Horrorstories von in Latin Amerika entführten Touristen (meistens zum nächsten Geldautomat, wo das Maximum abgehoben werden muss) im Hinterkopf, fragte ich nach was das soll. Anscheinend wurden die Strassen blockiert aus Protest gegen die Stadtverwaltung, welche die traditionellen Marktplätze räumen will. Strassenblockaden sind eine belibte Protestmethode in Bolivien, andere Reisende erzählten mir dass sie mitten in der Nacht in den Bergen 30 km laufen mussten um wieder von einem anderen Bus aufgelesen zu werden.

Die Innenstadt von Sucre besteht aus hübschen weissen Kolonialbauten, Pärken und imposanten Kirchen. Der Hauptplatz ist eingeramt von schicken Cafés und Schokoladengeschäften. Diese elegante Erscheinung bildet einen starken Komtrast zu den Rohbauten, welche die Aussenbezirke ausmachen. Dort wird das Bild geprägt von den bunt gekleideten indigenen Bäuerinnen, welche mit dem Kind im Tragtuch auf dem Rücken, Gemüse und Früchte verkaufen.

 

Ich blieb nur eine Nacht in Sucre da ich mich für ein Workaway Projekt im Cajamarca Tal angemeldet hatte. Annelie, eine Deutsche, hatte im 30 km von Sucre entfernten Tal zusammen mit Studenten der Universität Sucre 1992 begonnen Eukalyptus- und Pinienbäume zu pflanzen, um den Boden vor Errosionen zu schützen. Das Projekt wurde ein grosser Erfolg, mittlerweile sieht es in dem Tal ein wenig aus wie in der Schweiz, die Berglandschaft ist dicht bewaldet. Durch die Forstwirtschaft konnte die wirtschaftliche Lage der lokalen Kleinbauern verbessert werden, auch wird Teil der Abgase von Sucre durch den Wald kompensiert.

Franz, der junge Bolivianer, welcher das Projekt in Annelies Abwesenheit leitet, holte mich und ein weiteres Paar aus den Staaten am nächten Tag ab, wieder mussten wir über Schleichwege die anhaltenden Strassensperren umfahren. Der Weg nach Cajamarca führt durch die atemberaubende, kaum besiedelte Bergwelt, welche Sucre umgibt. Die Strasse zweigt in Punilla ab, dem vom Zentrum nächstgelegene Dorf, welches aus ca. 20 Häusern, einer Schule und einem Shop besteht. Dieser hat ausschliesslich Eier, Soft Drinks und einige Süssigkeiten im Angebot. Wir hatten alle versucht unsete Lebensmittel für zwei Wochen mitzunehmen. Die wenigen Bewohner des Dörfchens sind traditionell Bekleidet, die Haare zu langen Zöpfen gebunden, mit breitkrepigen Hüten und mehrere Lagen Röcken, was alle ein wenig pummelig aussehen lässt, geben die Frauen hübsche Fotomotive ab. Leider mögen die Menschen hier absolut nicht gerne fotografiert werden, was ich respektiere und zu diesem Bericht auch nur Fotos von der Landschaft und Hütte hochlade. Die Männer tragen Hemden und Hosen. Die erste Sprache der Bewohner ist nicht Spanisch sondern Quechua, die Sprache der Inkas, welche Heute noch im Andenraum unter den Nachfahren der Inkas weit verbreitet. Von hier führt eine holprige Piste, 20 Minuten durch das Nirgendwo zum Umweltzentrum.

 

Das Zentrum besteht aus einigen spartanisch eingerichteten Hütten, einem frei herumlaufenden Hengst, Hünern, Gänsen und drei Hunden. Franz, zwei weitere Arbeiter und Donna Aleja wechseln sich die Arbeitstage ab. Donna Aleja ist eine resolute ältere, traditionelle Inka Nachfahrin, welche wenig von den “jovenes” wie sie uns Freiwillige verächtlich nennt, hält. Genausowenig hält sie von Franz (seine Frau trägt Hosen (!!!!!)), die Gerüchteküche besagt sie bewahre immer die kleinsten Eier extra für ihn auf.

Die vier Stunden täglicher Freiwilligenarbeit hatten wieder Erwarten wenig mit Bäume pflanzen zu tun. Am ersten Tag mussten Steine für den Hünerstall oder besser gesagt für die Hünerfestung) mit Hammern gesplittet werden. Die Arbeit in der Natur tat gut ging jedoch auf 3200 Metern auch ganz schön in die Puste. Das Bild welches wir abgabe erinnerte mich etwas an eine schwarz weiss Knastdokumentation über Alcatraz.
Als Franz in der Pause im Schatten reium Kokablätter verteilt, strecke auch ich dankbar die Hände aus. Der Rohstoff für die Kokainherstellung wird in Bolivien traditionell und legal konsumiert. Der Effekt steigt nicht zu Kopf sondern hilft dem Organismus in der Höhe besser Sauerstoff aus der Luft zu beziehen und ist auch ein wirksames Mittel gegen die Höhenkrankheit. Ich immitierte die Arbeiter, kaute wie eine Kuh auf den Blättern und lege ein Depot in der Wange an. Tatsächlich fiel danach das Arbeiten etwas leichter, die Blätter schmeckten mir jedoch überhaupt nicht, so blieb es für mich bei dem einen Versuch.
Nachdem meine tschechischen Mitbewohner nach zwei Tagen abreisten, war ich alleine in der riesigen Hütte untergebracht. Die Einrichtung und der Geruch nach erkalteten Feuern erinnerten mich an das Haus in Adelboden in welche die Oberstufe Reiden jeweils ihre Skilager verbrachte. Ich konnte mich und meine Freundin Karin am Abend auf den zur Seite geschobenen Bänken sitzen sehen, bei der abendlichen “Disko” sehnsüchtig darauf wartend, dass wir von einem Jungen zum Tanz aufgefordert werden, während Savanage Garden gespielt wird.

Die Hütte in Cajamarca ist mit Solarstrom und einem wiederspenstigen Feuerofen ausgestattet. Das Badezimmer ist wie früher üblich draussen. Die Solardusche ist die einzige auf dem Gelände, so dass je nachdem wie viele Leute duschten am Abend nur Kerzenlicht die Räume erhellte. Am ersten Abend alleine erschien mir diese Unterbringung unglaublich romantisch. Am freien Nachmittag sammelte ich Feuerholz und Blumen zum trocknen. Bei Einbruch der Dunkelheit entfachte ich ein Feuer und schloss mit Müh und Not den Feuerofen. Spezialtechnik: Zuerst das obere kaputte Jarnier einhängen, dann die Türe leicht anheben beim Schliessen um dann mit der einen Hand oben Links zuzudrücken und mit der andern, das volle Gewicht gegen den Ofen gestämmt den Verschluss einzuhängen. In der Zwischenzeit enfaltete das Universum draussen seinen Zauber und liess Nacht für Nacht Millionen Sterne aufleuchten, die Milchstrasse klar ersichtlich, völlig ungestört vom Lichtsmog der Zivilisation. Kurz nach Neun und schon angenehm müde von der Höhenluft legte ich mich eingewickelt in Schlafsack und Wolldecke auf der Matratze schlafen, welche auf dem nur aus dünnen Brettern bestehenden Zwischenboden nahe beim Ofenrohr ausgelegt war.

 

Wenige Stunden später jedoch, weckte mich ein eigenartiges Gemurmel, leise und doch klar hörbar. Die Geräusche waren untermahlt mit ahhh und ohhh Geraune. Es klang unheimlich. Draussen heulten die Hunde immer wieder auf. Ich überlege angestrengt. Die Hütten der anderen liegen alle viel zu weit entfernt um ein Gemurmel zu hören. Schleichen Einbrecher ums Haus? Weshalb heulen die Hunde immer wieder? Ich begann mich zu verfluchen und liess sämtliche EDA Warnungen über Bolivien in meinem Kopf revue passieren. Wiso konnte ich nicht Weinverkostungs-Urlaub in der Westschweiz buchen? So vergingen Stunden ohne dass die Geräusche verstummten. Irgendwann brach der Tag an, unausgeschlaffen lud ich Steine in die Schubkarre und frage die anderen Freiwilligen ob sie auch etwas gehört hatten. Dies wurde einstimmig verneint. Ich glaube nicht an Geister aber der Gedanke dass man sich ja immer mal eines besseren belehren lassen kann ging mir dann doch durch durch den Kopf. Auch die Frage ob es jetzt wohl so weit sei und ich verrückt würde.

Als der Abend hereinbrach, schnippelte ich mit weniger Enthusiasmus als in der Nacht zuvor, Gemüse für das Abendessen, als es plötzlich wieder losging. Dieses Mal ganz klar zu hören und auch die Richtung konnte ich lokalisieren. Mit klopfenden Herzen folgte ich dem Geräusch und öffnete das kleine Fenster, spähte vorsichtig in die stockfinstere Nacht hinaus. Ein Seuftzer der Erleichterung entwich mir , als ich sah, dass Licht aus dem kleinen Hüttchen, welches an die Hauswand gebaut ist, kommt. Bis anhin hielt ich es für einen Geräteschuppen. Wenig später öffnete sich die Türe und Donna Aleja stampfte in die Dunkelheit. Auf meine Nachfrage hin stellte sich heraus dass ihr Onkel von einer anderen Alp auf Besuch ist und die beiden momentan in dem winzigen Hüttchen schlafen. Anscheinend unterhielten sie sich die ganze Nacht angeregt auf Quechua. Über mich selber lachend machte ich mich wieder ans Gemüse schnippeln, ganz wohl war es mir jedoch auch in den folgenden Tagen nicht alleine in der Hütte.

 

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