Vom Formel-1-Piloten und dem Kapitän mit dem Goldzahn

 

Die Freiwilligenarbeit in Trujillo nahm nach nur einem Monat ein rapides Ende. Meine Intuition liess mich von Anfang an Distanz zum Organisator wahren, ich unterrichtete die Kinder, trainierte Capoeira und freute mich wieder einmal so etwas wie eine Routine zu haben. Eines Abends fiel uns sechs Freiwilligen, beim organisieren des Unterrichts für die kommende Woche, eine beunruigende Notiz in die Hände. Ein früherer Freiwilliger warnte uns vor Diebstälen und Frauen spezifisch davor, Zeit alleine mit dem Organisator zu verbringen oder mit ihm trinken zu gehen. Nun wurde eine andere Freiwillige am Tisch bleich und erzählte uns dass sie von ihm seit Tagen kontinuierlich und ohne hierzu ermutigendes Verhalten ihrerseits, anzügliche Kurznachrichten erhalte und er ihr Sex für Geld anbot bei einem Wochenendausflug. Ermutigt durch uns, konfrontierte sie ihn mit ihrem Unbehagen gegenüber diesem Verhalten. Als er herausfand dass wir alle über die Situation informiert sind, schmiss er uns kurzerhand heraus, gab uns unser Geld zurück und gab vor die Organisation aufzulösen. Schon am nächsten Tag war jedoch eine neue Organisation unter einem anderen Namen online, was uns in der Annahme zurückliess, dass er nicht zum ersten Mal mit einer solchen Situation konfrontiert war. Aus allem Schlechtem kommt immer etwas gutes, Katrin eine aufgestellte, 23 jährige Psychologie Studentin aus Detschland beschloss mich bis Iquitos zu begleiten auf der Reise per Schiff durch den Dschungel nach Kolumbien.

Per Bus geht es zuerst einmal nach Tarapotos, der Stadt am Rande des Amazonas, welche eingebettet von grünen Hügeln ist. Sobald die meisten Fahrgäste schlafen, kommt der Folmel-1-Pilot im Fahrer zum Vorschein. Das Problem ist nur, sein Fahrzeug ist kein Rennauto sondern ein doppelstöckiger Bus und die Strecke keine Rennpiste sondern eine von Pässen durchwachsene Berglandschaft. All dies hält ihn nicht davon ab die meiste Zeit auf der Gegenfahrbahn zu verbringen und vor jeder Temposchwelle eine Vollbremsung hinzulegen. Ich bange nur um mein Leben, Katrin wird jedoch so übel dass sie viel Zeit auf der Boardtoilette verbringt. Die zwei Tage im quirligen Tarapotos, dessen Strassen von tausenden von Motor-Taxis belebt werden, vergehen schnell. Auf den lokalen Märkten besorgen wir uns Hängematten, ein Fernglas und Früchte für die Schiffsfahrt. Gerüstet geht es per Kollektiv-Taxi am nächsten Tag zwei Stunden nach Yurimaguas, dort legen die Flussschiffe nach Iquitos an.

 

Am Hafen angekommen erfahren wir durch kurzes herumfragen (einzige Informatinsquelle für die Schiffe), dass Gilmer 4, eine in die Jahre gekommene Lady, Heute noch auslaufen soll. Für umgerechnet 30 Franken kaufen wir unsere Tickets beim Kapitän höchstpersönlich. Wenn sein schiefes Grinsen aufblitzt, kommt ein Goldzahn zum Vorschein, eine bessere Amazonas-Kapitäns-Erscheinung hätte ich mir nicht ausmalen können, stelle ich zufrieden fest. Wir heuern den jungen Hector an unsere Hängematten fachgerecht anzubringen. Dieser nimmt mich bald darauf zur Seite, hebt verschwörerisch die Augenbrauen und fragt “Quero Marijuanna”? Ich lehne dankend ab, nutze jedoch die Gelegenheit ihn über Drogenschmugglereien per Schiff auszufragen. Jaja, das werde “bastante” (unheimlich viel) gemacht, schliesslich gäbe es nie Kontrollen. Peru ist der grösste Kokainproduzent der Welt, die Politik ist von Narcos-Korruption durchwachsen. Gespannt beobachte ich den Wahrenverlad. Nach und nach erscheinen Lastwagen voller Orangen, Kartoffeln und Manniok. Die beiden Frachtverantwortlichen erklären mir, dass auf Passagierschiffe keine Tiere verladen werden und laden mich auf ein Bier ein. Zum Glück trinkt der Kapitän nicht mit. Heute würden wir den Hafen bestimmt nicht mehr verkassen, sie warten auf zu viele Ware, meinen sie noch beim verabschieden nachdem ich das Bier dankend ablehne.

Die Prophezeiung bewarheitet sich und wir machen es uns in den Hängematten gemütlich, bereiten uns für die Nacht im Hafen vor, eine laute Stimme in aufgesetzten überfröhlichen Tourguide-Englisch die Stille durchschneidet: “Ok Leute, folgt mir, alle packen jetzt ihre Hängematte aus und legen sie da wo sie schlafen wollen auf den Boden.” Ungläubig beobachten wir die Ankunft der 15 20-25 jährigen Kanadier in Partystimmung. Sie seien eine “Backpacker-Reisegruppe” erklären sie uns auf Nachfrage. “Backpacker-Reisegruppe”??? Ich frage mich was das denn sein soll. Die nächsten Tage werden die Leute gefüttert und mit Wasser versorgt als wären sie Kanarienvögel. Enttäuscht stelle ich einmal mehr fest dass es einfach keine Enden der Welt mehr gibt und man im Jahr 2016 sogar auf Amazonas-Flussfahrten von “Backpacker-Reisegruppen” desillusioniert wird.

Das Schiff füllt sich am nächsten Morgen weiter, anscheinend war den Einheimischen klar dass wir gestern nicht auslaufen würden. Als wir nach Mittag plötzlich auslaufen, hängen die Hängematten so dicht, dass nicht mehr geschaukelt werden kann. Unter den Passagieren befindet sich auch ein Haustier-Hahn welchen ich am nächsten Morgen um vier in “Der Terrorist” umtaufen soll.  Der Ärger über die Kanarienvögel ist bald Geschichte. Die unglaubliche Schönheit des ewigen Grün um uns herum, versetzt alle in einen Zustand der Ehrfurcht und Gelassenheit. Die folgenden drei Tage verbringen Katrin und ich mit Stunden guter Gespräche, mit Staunen und damit unseren Gedanken nachzuhängen. Die Ruhe wird nur vom schrillen Essensgong und dem Terroristen gestört. #Travel #Peru #Amazonas

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