Wo ist Miguel?

Miguel? Jaja, der sollte eigentlich schon längst hier sein, er ist vor mir losgefahren, meint der Mann der vor uns steht und sich uns als der Schwager von Miguel vorstellt. Wir befinden uns in einem Dorf 1 1/2 Stunden flussaufwärts per Schnellboot entfernt von Iquitos. Miguel ist der Bürgermeister des Dorfes, in welchem wir die nächsten vier Tage verbringen werden. Katrin und ich wollen mehr über das Leben im Amazonas erfahren und sind überglücklich, dass wir diese Gelegenheit haben, ohne Touri Tour bei den El Chinos zu leben, da der Besitzer unseres Hostels die Leute kennt. Ich bin sehr dankbar dafür Katrin als herrlich unkomplizierte Reisebegleiterin zu haben, gelassen nehmen wir hin, das uns Miguels Schwager nun in der Ortsbäckerei “abliefert” mit den Worten der Bäcker sei auch ein Freund von Miguel und würde uns schon darauf hinweisen, wenn er eintreffe. Verfehlen kann er uns ja nicht, denken wir, wir sind definitiv die einzigen Bleichgesichter weit und breit.

Bäckerei hier heisst, dass in diesem Shop eine Sorte Brot verkauft wird, dieses international immer gleiche Weissbrot, welches sich zu einem nichts zusammendrücken lasst, wie ein Schwamm und mehr Füll-als Nährstoff ist. Überhaupt wissen wir auch nur dass es sich um eine Bäckerei handelt, weil das über der Türe so geschrieben steht. Späht man in den chaotischen, fensterlosen , düsteren Raum, so könnte man ihn auch mit einer Werkstatt verwechseln, wären da nicht die kleinen Stapel Schwamm-Brot hinter der verschmierten Vitrine. Auch in diesem Dorf, so finde ich auf neugieriges Nachfragen heraus, enden alle Strassen sobald es keine Häuser mehr gibt. Strassen sind hier völlig irrelevant, gibt es doch die Flüsse. Dieses Dorf ist quasi an der Autobahn gelegen, dem Amazonas, so ist es mit westlichen Gütern wie Coca-Cola und Oreo Keksen ausgerüstet. Oreo Kekse und Coca-cola werden mein Indikator für die Globalisierung, es ist unglaublich in welchen entlegenen Gegenden beides gekauft werden kann.

Wir warten und beobachten die freilaufenden Hühner und den Dorf-Verrückten, welcher nichts als ein T-Shirt trägt. Irgendwann zeigt der Bäcker auf ein Boot welches sich nähert und meint das sei das Boot von Miguel. Katrin und ich machen uns also auf zum Steg und erwarten das kleine Kanu mit Aussenmotor. “Bist du Miguel?” frage ich den ersten der beiden Männer welcher aussteigt. “Nein ich bin sein Cousin.” meint dieser. Nun bleibt nur noch der schelmisch wirkende ältere Mann mit den Goldzähnen und dem Baseballkäppi übrig. Doch auch er verneint meine Frage, er sei Lino, der Bruder aber verantwortlich dafür uns abzuholen. Nun gut, uns bleibt nichts anderes übrig als uns vertrauensvoll ins Boot zu setzen. Ein wenig verrückt ist das ganze ja schon, wir vertrauen voll auf das Wort von Tabu, dem Hostelbesitzer, welcher nicht einen Cent Kommission für diese Aktion bezieht, wir liefern unser Geld direkt im Dorf ab. Trotzdem fühle ich, dass diese Leute gut sind und uns nichts zustossen wird. Während des Reisens habe ich gelernt, auf meine Intuition zu hören. Sie half mir immer sehr zuverlässig dabei Menschen einzuschätzen und hat mich vor Gefahren gewarnt. Wie es sich herausstellt kam die Verpätung zustande weil der Motor ausfiel und die beiden ins nächste Dorf paddeln mussten um sich dort einen Ersatzmotor auszuleihen.

Lino sitzt am Ster und dirigiert Gabriel, welchen den Motor lenkt, so geht es eine ganze Weile Flussaufwärts. In diesem, viel kleineren Boot, erfahren wir den Amazonas neu, die Natur erscheint plötzlich greifbar nahe. Handflächen-grosse, blau schimmernde Schmetterlinge flattern um uns herum, scheinen uns willkommen zu heissen. Nun gibt Lino das Zeichen zu stoppen und gemeinsam paddeln die beiden zurück. Lino fischt etwas aus dem Wasser, ein Faultier!!!! Zuerst denke ich es sei tot, nie hätte ich zu träumen gewagt, dass diese trägen Kreaturen in der Lage sind zu schwimmen! Langsam verändert sich jedoch der Gesichtsausdruckes des Tieres, es sieht höchst unerfreut aus! Seine Krallen halten sich nun am Bootsrand fest, es will weg von hier. Lino fragt nun Katrin und mich ob wir es mitnehmen sollen und ob wir es halten möchten. Erschrocken verneinen wir beides. Wir möchten Beobachter sein, in dieser grossartigen Natur, auf keinen Fall Akteure, aus diesem Grund ignorierten wir auch sämtliche Agenturen welche Touristen mit Faultieren oder Anakondas um den Hals abbildeten.

image

Ich erkläre Lino unseren Standpunkt und irgendwie scheint auch er erleichtert. Wir lassen den armen Kerl am anderen Ende des Ufers zurück, lachend stellen wir alle fest, dass ihm dies wohl einige Stunden schwimmen erspart hat, ist der Fluss doch so breit und das Tier so langsam. Einmal mehr werden wir uns der immensen Verantwortung bewusst welche wir Touristen tragen. Wenn so grosse ökonomische Unerschiede da sind, ist klar, dass die Menschen, welche hier leben alles tun würden für ein wenig extra Geld, auch auf Kosten der Umwelt und der Tiere. Wer kann sie schon verurteilen, die wirtschaftlichen Möglichkeiten sind gering. Nachfrage bestimmt das Angebot, deshalb ist es wichtig dass sich Touristen genau überlegen, welchen Preis das tolle Urlaubsfoto trägt.

Weiter flussaufwärts stoppt Lino wieder das Boot, “Delfino” lässt er verlauten und zeigt auf die Wasserringe in der Ferne. Tatsächlich tauchen bald wieder Delfinflossen auf und wir alle verstummen in Andacht. Zwei Sorten Delfine leben in diesen Gewässern, der pinke Flussdelfin und der graue. Ich bin mir nicht sicher welche wir gesehen haben, sie sind zu weit weg. Lino blüht sichtlich auf, als er merkt, wie sehr wir uns über die kleinste Sensation freuen. Bald erklärt er uns den Namen jedes einzelnen Vogels und seine Hemmschwelle gegenüber uns Gringas scheint kleiner. Die meisten Namen der Tiere sind in Quechua, was mich erstaunt, mir war nicht bewusst, dass die Inkas bis hierher vordrungen.

 

Wir nähern uns einem kleineren Fluss, welcher in den Amazonas fliesst. Lino sagt irgendetwas von Kaffee und Milch, ich verstehe nicht so recht, mein Spanisch steckt noch in den Kinderschuhen und doch fungiere ich als Übersetzerin für Katrin. Als wir näher kommen, staunen wir beide: Das Wasser des anderen Flusses ist pechschwarz, da wo er auf den Amazonas trifft, sieht es tatsächlich so aus, als würde Kaffee in Milch geschüttet. Die Athmosphäre ändet sich schlagartig als wir uns auf dem schwarzen Fluss befinden. Dieser ist viel weniger breit und nun wird deutlich dass wir uns mitten im Urwald befinden, beide Uferseiten mit den Bäumen sind nun nahe und die Sonne kann teilweise nicht mehr gut durchdringen. Die trübe Suppe ist ein wenig unheimlich, besonders nachdem ich Lino nach heimischen Spezien befrage: Hat es Piranhas? Ja klar. Hat es Krokodile? Ja klar. Hat es Anakondas? Ja klar.

image.jpeg

Das Wasser des schwarzen Fluses fliesst viel langsamer und auf der Oberfläche spiegelt sich die ganze Umgebung so scharf, dass man fast vergessen könnte wo Oben und Unten ist. Ungläubig beobachte ich, wie Lino eine Flasche in das pechschwarze Wasser taucht und davon trinkt. Als er meinen Gesichtsausdruck sieht, lacht er und zeigt auf einen grossen Wasserkanister im Boot. Für euch haben wir das da. Wir müssen beide lachen und ich erkläre dass ich mich nicht ekle, sondern neidisch bin, wie praktisch wäre es doch so resistent gegen Bakterien zu sein.

Nun taucht vor uns eine kleine  Siedlung auf, wie sich herausstellt der Eingang zum Reservat. Der Polizist welcher die Kopien unserer Pässe entgegen nimmt, trägt ein Fussballtrikot und Jeans. Nach weiteren fünfzehn Minuten taucht das Dorf “El Chino” auf. Die Häuser sind alle U-Förmig um den Dorfplatz gebaut, welcher ein Fussballfeld und ein Voleyballfeld beherbergt. Die Häuser sind vollständig aus Palme gebaut und halten ca. fünf Jahre, jede Familie baut Ihr Haus selber ausschliesslich aus Materialien aus dem Urwald, ncihts muss gekauft werden. C.a. 200 Menschen leben hier, katholische und evangelische Mestizen. Da es nur fünf Monate im Jahr trocken ist, stehen die Häuser alle auf Pfählen, in der Regenzeit leben die Hüner auf Booten und die Kinder gehen mit dem Einbaum zur Schule, alles steht unter Wasser. Angepflanzt werden, können aus diesem Grund nur schnell wachsende Pflanzen, das Hauptnahrungsmittel ist die Maniokwurzel aus welcher Farina (eine Art Mehl)hergestellt wird, aber auch ein fermentiertes alkoholisches Getränk. Bei der traditionellen Herstellung des Getränkes der indigenen Völker, kauen die Frauen die Wurzel und spucken sie wieder aus, danach tritt der Fermentierungsprozess ein.

Miguel und seine Frau empfangen uns herzlich in ihrem Haus, welches grossräumig, hell und sauber ist und zu unserem Erstaunen sogar über einen Fernseher verfügt. Katrin und ich schlafen in Betten, während Miguel, seine Frau, seine Tochter und deren zwei Kinder alle zusammen in einem Raum auf dem Boden schlafen. Bald wird klar, dass wir ein Dorf-Projekt sind, am Nachmittag werden wir wieder von Lino und Gabriel im Kanu ausgeführt, dieses Mal nur mit Paddeln, geht es ins Dickicht der Mangroven. Diese sind Heimat der kleinsten Äffchen der Welt. Mit Staunen beobachten wir die süssen Kreaturen und es ist schön zu sehen dass sogar die beiden Männer welche ihr ganzes Leben im Amazonas verbracht haben sich noch so freuen, uns die Natur zu zeigen.

Abends werden Öllampen gezündet und die Stimmung mit den Grillen als Geräuschkulisse ist friedlich. Um 20:00 gehen jedoch die Generatoren an und von nun an läuft der Fernseher bis Zehn, zuerst dürfen dieKinder Zeichentrick-Serien schauen, danach die Erwachsenen Telenovelas. Sobald der Generator ausgeht ist es Stockfinster und Katrin und ich schlafen friedlich unter unseren Moskitonetzen ein, wäre da nur nicht die Dorfbar, welche bis Mitternacht Reggaeton spielte, die Idylle wäre perfekt.

Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out /  Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out /  Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out /  Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out /  Change )

w

Connecting to %s