Tarzan war schlanker als ich!

Wie schon auf dem Schiff werden wir auch in “El Chino” am nächsten Morgen wieder vom Hahn geweckt. Da wir jedoch gestern mit den Hühnern ins Bett gingen hege ich dieses Mal keine Chicken-Nuggets- Rachegelüste. Marijana, Miguels herzliche Frau, hat uns bereits Frühstück gekocht, eine köstliche Suppe, welche uns für die Heutige anstehende Wanderung stärken soll. Wieder sind andere Nachbarn für uns verantwortlich, Eduardo und sein Sohn essen mit uns Frühstück. Eduardo hat früher als Guide in einer Touristen-Lodge gearbeitet und kennt den Urwald in – und auswendig, erklärt uns Miguel, sichtlich stolz.

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Gerüstet mit Gummistiefel und Regenjacke setzen wir uns alle ins Boot, es geht ca. eine Stunde Flussaufwärts auf dem schwarzen Fluss. Von dort geht es zu Fuss weiter, Eduardo führt uns an, ab und zu schlägt er mit der Machete herabhängende Äste weg. Immer wieder stoppt er um uns auf etwas hinzuweisen. Er schneidet einen Kautschukbaum an und wir spüren, wie sich das Harz beim verreiben zwischen zwei Fingern zu Gummiröllchen transformiert. Betrübt erklärt er uns, dass die Gewinnung des Kautschuk früher ein gutes Geschäft für die Region gewesen sei, Heute jedoch, wo einerseits Plantagen existierten und andererseits alles aus Mineralöl hergestellt wird, kann kein Geld mehr einbringe. Was für die Region wirtschaftlich eine Katastrophe war, ist ein Segen für die Natur, der Kautschukboom und die damit einhergehende Abholzung war eine Katastrophe für die Umwelt.

Als wir weiter gehen weist er uns darauf hin Abstand zu Halten von einem Baum, an welchem 3cm grosse schwarze Termiten hochkrabbeln. Diese Ameisensorte sei sehr giftig erklärt er uns. Mit den Ameisen in Berührung zu kommen wäre sehr schmerzhaft und würde Verbrennungen auf der Haut hinterlassen. Vorsichtig machen wir einen Bogen um den Baum.

Als wir die Spitze des kleinen Hügels erreichen zieht Eduardo eine 10-15 cm dicke Liane heran und schwingt sich über das kleine Tal, es sieht sehr einfach aus. Als nächstes ist Katrin an der Reihe, auch bei ihr sieht das ganz einfach aus. Nun, ich denke anhand des Titels lässt sich nun erahnen was kommt. Ich frage Eduardo noch, ob die Liane auch wirklich mein Gewicht halten möge. Klar, meint er. Was ich leider mich selber nicht gefragt habe ist, ob meine Hände auch mein Gewicht halten mögen. Sie tun es nicht. So schwinge ich nicht, wie vorgesehen hin und her, sondern nur hin. Bevor die Liane zurückschwingt rutsche ich ab und falle 3-4 Meter auf den Waldboden. Mir fehlt erst einmal die Luft. Es ist nichts gebrochen, stelle ich als nächstes erleichtert fest. Doch dann schaue ich runter auf meine Hände und seltsamerweise setzt der Schmerz erst ein, als ich die Wunden sehe. Der Rutsch hat mir die Haut an neun von zehn Fingerkuppen bis aufs Fleisch weggebrannt. Der Schmerz ist höllisch und wir haben keine Verbandsachen dabei.

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Gemeinsam machen wir uns auf den Rückweg, ich renne fast, Eduardo muss mich bremsen, die Bewegung lenkt etwas ab. Auf der Rückfahrt sehen wir grössere Affen, welche “Macaco” heissen. Dies ist verwirrend, weil auf Portugiesisch Macaco einfach “Affe” bedeutet. Ein Männchen scheint regelrecht vor uns zu prahlen. Er schaut auf uns herunter und führt Kunststücke vor, schwingt hin und her, während er sich nur mit dem Schwanz an einem Ast festhält. “Schaut mal ihr lächerlichen Nackt-Affen die ihr nicht mal auf Bäume klettern könnt.” scheint sein Blick zu besagen.

Wir halten in einer kleineren Siedlung welche nur aus fünf Häusern besteht, um die Wunden zu verarzten. Das Desinfizieren und die Pflaster bringen etwas Linderung trotzdem mache ich mir Sorgen, weil wir es nicht geschafft hatten, die kleinen Stückchen Liane aus den offenen Wunden zu entfernen. Zurück im Dorf sind alle ein wenig angespannt und besorgt. Ich beginne jedoch langsam den komischen Aspekt des Unfalles zu sehen und mache Witze darüber, dass ich zuerst Diät halten muss vor dem nächsten Mal Tarzan spielen. Nun können wir zusammen lachen und Miguel fragt mich, wie schwer ich denn sei. Anscheinend hier keine unhöfliche Frage, die ich ihm nicht übel nehmen kann. Ich weiss es wirklich nicht. Miguel sagt nun voller Stolz dass seine Frau 84 Kilo wiege.

Um fünf kommen uns Eduardo und sein Sohn wieder abholen, wir wollen Kaimane sichten, welche Nachtaktiv sind. Kaimane, so hatte ich das verstanden, seien eine kleine Alligatoren-Sorte, was bei mir das Bild der Mini-Krokodile im Zoo Basel hervorrief. Süss, jedoch harmlos. Wieder geht es mit dem Paddel durch die Mangroven, die Sonne verschwindet langsam am Horizont, produziert seltsame Lichtreflektionen auf meinen Bildern. Nach einer Weile erreichen wir eine “Cocha”, einen kleinen See und wieder staunen wir über die Vollkommenheit der Natur und die Spiegelungen im schwarzen Wasser. Wir warten bis es dunkel ist, jeder von uns ist umgeben von hunderten von Stechmücken. Die Biester riechen meine Wunden und versuchen mich durch die Pflaster hindurch zu stechen. Mit belaubten Ästen wedeln wir uns gegenseitig ab, was wie ein schamanisches Reinigungsritual anmutet. Beim Thema angekommen erfahren wir, dass es auch in “El Chino” einen Schamanen gibt, was wir überrascht zur Kenntnis nehmen, da wir verstanden hatten dass die Bewohner Katholisch und Evangelisch sind.  Wir nehmen uns vor Miguel dazu zu befragen.

Mittlerweile ist die Dunkelheit komplett hereingebrochen, der Mond ist aufgegangen, ist jedoch so schmal, dass er kaum Licht spendet. Eduardo beginnt mit seiner Taschenlampe in die Mangroven am gegenüberliegenden Seeufer zu zünden. Wie Katzenaugen leuchten die Augen der Kaimane im Gebüsch auf. Wir paddeln näher, geschickt fischt Eduardo einen c.a. 20 cm grossen Kaiman aus dem Wasser. Ich habe den Eindruck, dass er ein wenig nervös ist, was mich doch nochmals fragen lässt, wie gross denn so ein ausgewachsener Kaiman werde. Bis zu vier Meter meint er, ganz gelassen.

Das Blut gefriert mir in den Adern, vier Meter, das ist gleich gross wie unser Kanu. Gleichstand. “Ärm kam es noch nie zu einem Zwischenfall mit einer Kaiman-Mamma?” frage ich besorgt. Eduardo grinst etwas nervös auf: “Nur einmal, vor drei Wochen, das war aber schon ziemlich brenzlig, ein Baby-Kaimane hätte seine Mamma alarmiert und diese sei dann auch gekommen und unter dem Boot hindurchgeschwommen, was es angehoben hätte. Sie seien dann ganz schnell zurück gepaddelt. Ein gewisses Restrisiko müsse man in Dschungel einfach hinnehmen. Wir erklären Eduardo wieder unseren Standpunkt, dass wir die Tiere im Wasser sehen möchten, nicht herausfischen und mit ihnen Posieren. Er lässt das kleine Tier wieder frei, welches in dieser Grösse doch ganz süss wirkt.

Ich beschliesse das alles erst später im Detail für Katrin zu übersetzen, es reicht dass ich mir beinahe in die Hosen mache. Vorsichtig wende ich ein, dass es eventuell an der Zeit sei zurück zu gehen, schliesslich spiele Heute Peru gegen Ecuador im Copa Americana. Natürlich könnte mir das Fussballspiel egaler nicht sein, aber es erscheint mir eine diplomatische Methode die Rückkehr zu einzuläuten, ohne wie eine hysterische Touristin zu wirken.

Ein Seufzer der Erleichterung entweicht mir, als wir uns in die Mitte des Sees bewegen, weg von den Kaimanen. Die Milchstrasse spiegelt sich im schwarzen See und Glühwürmchen fliegen, so etwas habe ich noch nie gesehen, vorbei ist der Schreckensmoment. Und doch, als wir zurück durch die Mangroven paddeln, sieht jeder Baumstamm im Wasser aus wie ein Krokodil und Miguels Worte hallen in meinem Kopf nach: ”Die giftigen Schlangen und Spinnen sind Nachtaktiv.” Immer wieder verheddert sich das Kanu im Dickicht und Eduardo fällt kleinere Bäume kurzerhand mit der Machete. Das knarren des Kanus, welches an den Bäumen vorbeischleift, die Stille welche uns umgibt und nur ab und an durch den Schrei eines Vogels durchbrochen wird, das Plantschen des Paddels wenn es aufs Wasser trifft: Dieser Moment ist Magisch. Das Adrenalin kribbelt im Bauch uns lasst mich jede Sekunde intensiv erleben, es ist die gute Sorte Angst: Etwas Furcht, Respekt aber nicht Panik. Ich vertraue auf die jahrelange Erfahrung von Eduardo.

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